Interview

Nachhaltigkeit war von Anfang an die Kernidee

Jakob von traceless erklärt, warum nachhaltige Innovationen nicht nur gute Ideen brauchen, sondern auch die richtige Finanzierung, starke Partner und den Mut zur Skalierung.

Das Hamburger BioökonomieScale-up traceless® entwickelt aus pflanzlichen Reststoffen ein biobasiertes, plastikfreies und kompostierbares Biomaterial als Alternative zu herkömmlichem Kunststoff. Produkte wie Pommesgabeln oder Verpackungen lassen sich nach Gebrauch vollständig kompostieren. Das Material lässt sich auf Standard-Verarbeitungsanlagen weiterverarbeiten und spart im Vergleich zu klassischen Kunststoffen bis zu 91 % CO₂ bei Produktion und Entsorgung ein. Seit der Gründung 2020 baut traceless Produktionskapazitäten auf, arbeitet an der Skalierung auf industriellen Maßstab und sorgt für regulatorische Absicherung, um das Material marktfähig zu machen.

Zwei Personen stehen nebeneinander in einem modernen Innenraum; links eine Frau mit schulterlangem Haar, schwarzem Langarmshirt und Jeans vor einer grünen Wand, rechts ein Mann mit Brille, dunklem Pullover und beiger Hose vor einer Glastür; beide blicken lächelnd in die Kamera.

„Wenn wir Kunststoff ersetzen wollen, müssen Materialien von Grund auf neu gedacht werden. Mit traceless entwickeln wir fossilfreie Alternativen, die sich in bestehende industrielle Prozesse integrieren lassen und den Weg zu einer klimafreundlichen, zirkulären Industrie ebnen.“

traceless® materials

Das Interview führte Yvonne Schönherr (NAFIM) mit Jakob Röskamp (traceless® materials) im Juni 2026

NAFIM: traceless entwickelt Materialien, die fossile Kunststoffe ersetzen sollen. Womit beschäftigt ihr euch im Alltag?

Jakob Röskamp: traceless ist ein Scale-up-Unternehmen, wir sind bald sechs Jahre alt und befinden uns in einer starken Wachstumsphase. Wir beschäftigen uns damit, aus Reststoffen der Agrarindustrie Materialien zu entwickeln, die fossile Kunststoffe ersetzen können und einen deutlich geringeren Effekt auf die Umwelt haben. Das ist insbesondere dort wichtig, wo Kunststoffe in der Umwelt landen, zum Beispiel bei Verpackungen oder Einwegbesteck. Aber auch, was das Thema Mikroplastik angeht. Unsere Materialien können in der Natur von Mikroorganismen abgebaut werden, weil sie aus natürlichen Polymeren bestehen. Im normalen Gebrauch passiert das natürlich nicht. Wir haben hier Materialien liegen, die mehrere Jahre alt sind. Aber wenn sie am Ende ihres Lebenszyklus in die Umwelt gelangen, können sie wieder Teil natürlicher Kreisläufe werden.

Was war euch bei der Gründung von traceless besonders wichtig?

Für mich liegt der Fokus vor allem auf dem Thema Ökologie und Umweltschutz, dadurch wird das alles sehr greifbar. Wir haben schon vor vielen Jahren angefangen, uns genau anzuschauen, welche Materialien und Stoffe wir eigentlich verarbeiten. Es gibt die sogenannten EU-Sicherheitsdatenblätter, in denen drinsteht, welche Chemikalien worin enthalten sind und was die bei der Verarbeitung und später bei der Verwendung so anrichten. Da geht es um Ausdünstungen und auch um die Entsorgung und so weiter. Diese Datenblätter haben wir durchgearbeitet und festgestellt, dass wir fröhlich dabei sind, uns selbst zu vergiften. Daraufhin haben wir bestimmte Geschäftsfelder aufgegeben, zum Beispiel die Fenstermontage, weil dort sehr viel mit problematischen Schäumen, Klebern und anderen Stoffen gearbeitet wird. Nach und nach haben wir uns auch von Materialien wie Spanplatten und MDF verabschiedet und arbeiten heute überwiegend mit Dreischichtplatten, Multiplex und Massivholz. Auch da sind teilweise noch viele Kleber enthalten, aber es ist trotzdem eine ganz andere Qualität. Außerdem haben wir das Lackieren komplett aufgegeben, weil auch die Lösungsmittel und Härter, die dabei eingesetzt werden, gesundheitlich total problematisch sind. Wir haben also unsere Lackierkammer abgerissen und ölen unsere Möbel nur noch.

„Unsere Hausbank, die GLS Bank, und die Hamburger Sparkasse haben einen Teil der Investitionskosten über Darlehen finanziert. Zusätzlich konnten wir mehr als fünf Millionen Euro Fördermittel des Bundesumweltministeriums einwerben. Genau diese Kombination war entscheidend, denn Eigenkapital ist wichtig, aber einfach auch sehr teuer und man sollte nach Möglichkeit verschiedene Finanzierungsformen kombinieren.

Der Aufbau einer solchen Produktion kostet viel Geld. Wie habt ihr das finanziert?

traceless wurde 2020 von Anne Lamp und Johanna Baare als Ausgründung der TU Hamburg gegründet. Angefangen hat alles ganz klassisch im Universitätslabor.Von Beginn an haben Fördermittel eine wichtige Rolle gespielt, am Anfang insbesondere Förderungen der Stadt Hamburg und aus verschiedenen Innovationsprogrammen. Die haben dann dazu geführt, dass auch Eigenkapitalfinanzierung über Risikokapitalgeber möglich geworden ist, was man als Venture Capital- oder Private Equity-Fonds kennt. 2021 gab es eine sogenannte Seed-Finanzierungsrunde, bei der drei Investitionsfonds mit an Bord gekommen sind. Das war im Grunde genommen der Startschuss für unsere Finanzierungsreise, bei der eigentlich immer Eigenkapital, Fremdkapital und Fördermittel zusammen kommen – große Investitionen lassen sich aus unserer Sicht kaum auf eine einzige Finanzierungsquelle stützen. Für den Bau unserer Pilotanlage in Buchholz und später der Demonstrationsanlage hier in Hamburg-Harburg haben wir erstmals auch Fremdkapital aufgenommen. Unsere Hausbank, die GLS Bank, und die Hamburger Sparkasse haben einen Teil der Investitionskosten über Darlehen finanziert. Zusätzlich konnten wir mehr als fünf Millionen Euro Fördermittel des Bundesumweltministeriums einwerben. Genau diese Kombination war entscheidend, denn Eigenkapital ist wichtig, aber einfach auch sehr teuer und man sollte nach Möglichkeit verschiedene Finanzierungsformen kombinieren. So verteilt man Risiken besser, gewinnt zusätzliche Partner und knüpft ein Netzwerk, das für den weiteren Unternehmensaufbau durchaus hilfreich sein kann.

Gab es auf diesem Weg besondere Herausforderungen?

Hürden gibt es natürlich eine ganze Menge. Grundsätzlich ist die Kapitalintensität eines solchen Vorhabens etwas, womit man umgehen muss. Es ist tatsächlich herausfordernd, so eine Finanzierung zusammenzustellen. Für den gesamten Prozess haben wir mit allen Beteiligten damals zwölf Monate gebraucht, was schon relativ schnell ist. Ein weiteres Thema ist Regulierung: Europäische und nationale Vorgaben geben Unternehmen wie traceless Rückenwind, gleichzeitig muss man bei einem großen Anlagenbau natürlich sehr viele Dinge beachten. Dafür braucht es gute Partner und Menschen, die solche Prozesse nicht zum ersten Mal machen.

Kompostierbare Pommesgabeln aus biobasiertem traceless Biomaterial

Das war im Grunde genommen der Startschuss für unsere Finanzierungsreise, bei der eigentlich immer Eigenkapital, Fremdkapital und Fördermittel zusammen kommen – große Investitionen lassen sich aus unserer Sicht kaum auf eine einzige Finanzierungsquelle stützen.

Wo steht traceless heute – und was waren eure wichtigsten Meilensteine?

Wir sind mitten in der Skalierung. Wenn man ein technologiegetriebenes Unternehmen wie traceless aufbaut, verläuft das in mehreren Stufen. Man muss sehr viel in Forschung und Entwicklung investieren und auch in Produktionsanlagen, lange bevor man größere Mengen an Kundinnen und Kunden liefern kann. Dass wir heute hier sind, ist deshalb für uns schon ein großer Erfolg. Innerhalb von nicht einmal sechs Jahren haben wir den Weg vom Universitätslabor über eine Pilotanlage bis hin zur Demonstrationsanlage geschafft. Parallel dazu ist das Unternehmen auf rund 100 Mitarbeitende gewachsen. Der nächste große Meilenstein ist jetzt, unsere Materialien in größerem Maßstab in den Markt zu bringen und verfügbar zu machen. Wir produzieren inzwischen die ersten größeren Mengen für unsere Kunden, mit denen wir teilweise schon seit mehreren Jahren eine Partnerschaft haben, die jetzt in die industrielle Anwendung übergeht. Ein Beispiel dafür ist Mondi, einer der weltweit größten Verpackungshersteller. Gemeinsam entwickeln wir Papierbeschichtungen auf Basis unserer Materialien. Der nächste Skalierungsschritt ist eine vollindustrielle Produktionsanlage, die bis Ende des Jahrzehnts entstehen soll. Hamburg gehört dabei zu den möglichen Standorten.

Welche Erfahrungen möchtet ihr anderen Unternehmen mit auf den Weg geben?

Ich glaube, gerade bei Transformationsprojekten muss am Ende auch ein positiver Business Case dahinterstehen. Und dann muss man sich Verbündete suchen und es partnerschaftlich angehen. Es gibt viele Angebote und viele offene Türen. Man muss die richtigen Ansprechpersonen finden, über seine Idee sprechen und Menschen gewinnen, die den Weg mitgehen wollen. Das ist ganz wichtig. Ich würde außerdem jedem Unternehmen empfehlen, keine Scheu vor Fördermitteln oder Fremdkapital zu haben. Gerade wenn größere Investitionen anstehen, sind das völlig normale und sinnvolle Instrumente. Man muss sie nur kennen und richtig einsetzen.

Was brauchen kleine und mittlere Unternehmen, damit nachhaltige Investitionen leichter werden?

Ich glaube gar nicht, dass es an Angeboten mangelt. Es gibt bereits sehr viele Förderprogramme, teilweise sogar sehr spezialisierte. Was häufig fehlt, ist eine gute Orientierung. Unternehmen brauchen zentrale Informationsquellen, damit sie überhaupt herausfinden können, welche Programme zu ihrem Vorhaben passen. Ein anderer Punkt ist die Verwaltung. Förderprogramme müssen selbstverständlich sorgfältig geprüft werden, aber es wäre sicherlich wünschenswert, wenn die Verfahren möglichst schnell und unbürokratisch ablaufen würden. Schließlich hat man ja parallel zu diesen Prozessen noch ein Unternehmen zu führen.

„Es ist tatsächlich herausfordernd, so eine Finanzierung zusammenzustellen. Für den gesamten Prozess haben wir mit allen Beteiligten damals zwölf Monate gebraucht, was schon relativ schnell ist.

Gibt es zum Schluss noch etwas, das ihr anderen Unternehmen mitgeben möchtet?

Vor allem Mut zur Innovation. Mut, den ersten Schritt zu machen. Und Mut, sich Unterstützung zu holen. Es lohnt sich. Es gibt heute viele Möglichkeiten, nachhaltige Innovationen zu finanzieren und gemeinsam mit Partnern umzusetzen. Man muss sie nur nutzen.

Lektorat: Miriam Holzapfel