Interview
Neue Möglichkeiten aus alten Textilien
Wie Bridge&Tunnel Kreislaufwirtschaft und soziale Innovation zusammendenkt.
Die Hamburger Upcyclingmanufaktur Bridge&Tunnel verwandelt textile Überschüsse in neue Wertschöpfung. Gemeinsam mit Unternehmen und Endkund:innen entwickelt sie zirkuläre Lösungen aus aussortierten Materialien und zeigt, wie aus vermeintlichen Materialresten neue Möglichkeiten entstehen.
Dabei verbindet Bridge&Tunnel nachhaltiges Wirtschaften mit sozialer Teilhabe: Sie schaffen Qualifizierungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt oft übersehen werden. So entstehen neue Perspektiven und echte Teilhabe entlang einer zirkulären Wertschöpfung. Für seine Arbeit wurde Bridge&Tunnel bereits zwei Mal mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

„Wir glauben an eine Zukunft, in der ökologische Verantwortung und soziale Teilhabe zusammengehören. Mit dem Upcycling textiler Überschüsse schaffen wir Qualifizierung und Arbeit für Menschen mit Migrations- oder Fluchtbiografie. Denn nachhaltige Veränderung entsteht dort, wo ökologische und soziale Wirkung zusammenkommen.“
Das Interview führte Yvonne Schönherr (NAFIM) mit Constanze Klotz (Bridge&Tunnel) im Mai 2026
NAFIM: Bridge&Tunnel verbindet Nachhaltigkeit und soziale Teilhabe. Was ist die Idee dahinter?
Constanze Klotz: Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung sind sozusagen unsere DNA. Wir glauben fest an die Power von Nachhaltigkeit, aber eben an den Dreiklang aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit. Das wollen wir verbinden, weil das eine nicht ohne das andere funktioniert. Eigentlich versuchen wir mit Bridge&Tunnel die Quadratur des Kreises: Wir verbinden Kreislaufwirtschaft im Bereich Mode und Textil mit einer sozial inklusiven Manufaktur.
Uns beschäftigt nicht nur die Frage, wie Materialien genutzt werden, sondern auch, wer eigentlich woran teilhat. Und diese beiden Aspekte funktionieren großartig zusammen. Manchmal konkurrieren sie vielleicht auch um die Aufmerksamkeit der Menschen, die uns kennenlernen. Einige finden es besonders spannend, dass wir aus alten Textilien neue Produkte machen. Andere interessiert vor allem, wer diese Produkte herstellt und was wir damit bewirken. Für uns ist Design ein wichtiger Hebel für Veränderung. Es geht weniger um das Produkt als um die Wirkung des Produkts.
Habt ihr den Aufbau des Unternehmens aus Eigenmitteln gestemmt?
Wir haben keine Eigenmittel eingesetzt. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das tun, ich bewundere es, aber bei uns war das zum Glück nicht notwendig. Wir sind zunächst unter dem Dach eines sozialen Trägers gestartet und haben dort das Projekt aufgebaut und zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Nach fünf oder sechs Jahren haben wir zwei Investoren mit an Bord genommen, wir haben eine GmbH gegründet und letztes Jahr zusätzlich noch einen Verein. Damit fahren wir bis heute sehr gut. Grundsätzlich versuchen wir, unsere laufenden Kosten aus den Umsätzen zu decken. Gleichzeitig haben wir, wie viele andere Unternehmen auch, Rückenwind gebraucht, um überhaupt ins Machen zu kommen.
„Wir verbinden Kreislaufwirtschaft im Bereich Mode und Textil mit einer sozial inklusiven Manufaktur. Uns beschäftigt nicht nur die Frage, wie Materialien genutzt werden, sondern auch, wer eigentlich woran teilhat.“
Unsere Finanzierung war deshalb immer ein Mix, Investoren sind nur ein Teil davon. Wir haben an Wettbewerben teilgenommen und Preisgelder gewonnen, ein weiterer Baustein unseres Geschäftsmodells ist Sponsoring. Dazu kamen einige Förderungen, etwa ganz am Anfang durch einen Social-Business-Wettbewerb und später durch die Förderung InnoImpact der Stadt Hamburg für unseren Repair-Service. Insgesamt haben wir mit Finanzierung eher positive Erfahrungen gemacht. Man hört oft, dass Frauen es schwerer haben, Investoren zu finden oder Finanzierungsgespräche zu führen. Diese Erfahrung haben wir als Gründerinnenteam und reine Frauenmanufaktur nicht gemacht. Es war nicht immer leicht, aber es war auch nicht Lichtjahre entfernt.
Welche Hürden gab es auf eurem Weg?
Natürlich war nicht alles einfach. Ich glaube aber nicht, dass es irgendwo Gründerinnen oder Gründer gibt, die sagen würden: Alles war ganz easy. Es ist nie ganz easy und unser Geschäftsmodell ist komplex, weil es für komplexe Herausforderungen wie die Klimakrise eben keine einfachen Lösungen gibt. Menschen mögen aber einfache Antworten. In Wirklichkeit müssen viele Puzzleteile ineinandergreifen, Recycling, Repair, neue Konsumstrategien, politische Regulierung und so weiter und so fort. Als wir vor 10 Jahren mit Bridge&Tunnel gestartet sind, hat kaum jemand über Kreislaufwirtschaft gesprochen, auch nicht darüber, dass Upcycling ein Gamechanger für Veränderungen in der Textilindustrie sein könnte.
Heute sieht das schon anders aus. Rückblickend sehe ich, dass wir schon vor zehn Jahren viele Menschen mit unserer Idee anstecken konnten, dass verstanden wurde, dass diese Themen wichtig sind und dass sie ein echtes Potenzial haben, gerade im Schulterschluss mit dem social impact, den wir erzielen. Die Leidenschaft, mit der wir damals angefangen haben, trägt uns bis heute und ich rede auch nach zehn Jahren noch gerne über Bridge&Tunnel. Am Ende gehört also immer mehr dazu als nur eine gute Idee. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und auf Menschen treffen, die sich anstecken lassen. Es braucht ein gutes Thema, aber auch ein gewisses Momentum, gutes Timing und ein Quäntchen Glück.
„Unsere Finanzierung war deshalb immer ein Mix, Investoren sind nur ein Teil davon. Wir haben an Wettbewerben teilgenommen und Preisgelder gewonnen, ein weiterer Baustein unseres Geschäftsmodells ist Sponsoring. Dazu kamen einige Förderungen.“
Auf welches Highlight, auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?
Ein einziges Highlight? Oh Gott, das ist schwer. Es gab natürlich tolle Kooperationen, als wir das erste Mal für Tchibo, Levi's oder Closed gearbeitet haben, war das ganz fantastisch. Auch als Gründerinnenteam haben wir eine steile Entwicklung gemacht. Weniger im klassischen betriebswirtschaftlichen Sinn als im sozialen: wir sind kreative Problemlöserinnen geworden und haben ein wertschätzendes Arbeitsklima geschaffen, einen Safe Space für Frauen, die in unserer Gesellschaft sonst oft unsichtbar bleiben. Hier bekommen sie ein Spotlight und das bewegt mich bis heute am meisten. Und wir versuchen, das auch nach außen sichtbar zu machen. In jedem Produkt steckt beispielsweise das Autogramm der Näherin, die es gefertigt hat, auch bei Produkten für große Unternehmen wie Otto oder Tchibo. Dazu bekommen wir immer wieder Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden, die sich bei den Frauen bedanken. So gelingt das, was wir eigentlich zeigen wollen: Mode geht auch anders.
Was würdet ihr anderen Unternehmen mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal braucht man ein Thema, für das man wirklich brennt. Das ist wichtig, weil einen dieses Thema im besten Fall viele Jahre begleitet. Ansonsten finde ich allgemeine Ratschläge schwierig, weil jede Gründung anders ist. Für mich persönlich war es total gut, nicht allein gegründet zu haben. Zwei Gehirne können einfach mehr und bringen mehr Perspektiven mit als ein Gehirn allein. Zu zweit kann man Good Cop / Bad Cop spielen und sich einfach breiter aufstellen. Außerdem würde ich empfehlen, die eigene Idee möglichst früh außerhalb der eigenen Bubble zu testen. Mit Glück hat man tolle, aufrichtige Freunde, die sich trauen zu sagen: Ich glaube, das ist Schrott. Oft sind Freundeskreise aber eher geneigt zu sagen: Ah ja, okay, wenn es dich so begeistert, dann mach es halt. Man sollte sich also möglichst früh trauen, die eigene Geschäftsidee bei Leuten zu testen, die einen nicht so gut kennen und eine rein faktische Rückmeldung geben. Wir hatten damals das Glück, über ein Stipendium bei Social Impact viele andere Gründerinnen und Gründer kennenzulernen und uns innerhalb weniger Monate sehr viel Wissen anzueignen. Da ist man hinterher natürlich viel schlauer. Also, in Kurzform: Sofern möglich gründe zu zweit und mach eine Marktanalyse außerhalb deiner Bubble.
Was braucht es aus eurer Sicht, damit mehr nachhaltige Unternehmen entstehen?
Fast jedes Start-up, und erst recht ein nachhaltiges Start-up, braucht Rückenwind. Das kann Geld sein, aber auch Wissen, Erfahrung oder die richtigen Kontakte. Und natürlich muss man genau wissen, wie hoch der Finanzbedarf ist. Danach kann man schauen, wo die Finanzierung herkommt. Vor allem wünsche ich mir aber eine Innovationskultur, die Mut macht. Als wir angefangen haben, hätten wir auch scheitern können. Und ich würde es schön finden, wenn wir in einem Klima leben würden, wo auch das okay ist. Dann würden sich vielleicht mehr Menschen trauen, Ideen auszuprobieren und Unternehmen zu gründen. Denn wenn man sich nicht traut, passiert nichts, dann ist Stillstand. Und das wäre doch wirklich schade.
Lektorat: Miriam Holzapfel

