Interview
Transformation heißt auch, beweglich zu bleiben
Ein Gespräch mit tricargo über Lastenräder, Genossenschaftsmodelle und nachhaltige Finanzierung
Die Hamburger Genossenschaft tricargo entwickelt Lösungen für emissionsfreie Lastenlogistik in der Stadt. Mit einer eigenen Flotte von Schwerlastenrädern liefert das Unternehmen Waren auf der letzten Meile aus und betreibt zusätzlich Werkstatt, Handel und Beratung rund um Cargo-Bikes. Außerdem hat tricargo ein eigenes Schwerlastrad entwickelt, den „Lademeister“.
Seit der Gründung gehört Nachhaltigkeit zum Selbstverständnis der Genossenschaft. Der Betrieb arbeitet mit Ökostrom und engagiert sich für eine emissionsfreie städtische Mobilität.

„Transformation verläuft selten geradlinig. Manchmal geht es zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück. Wichtig ist, trotzdem weiterzumachen und das eigene Geschäftsmodell immer wieder weiterzuentwickeln.“
Das Interview führte Yvonne Schönherr (NAFIM) mit Björn Fischer (tricargo) im Juni 2026.
NAFIM: tricargo beschäftigt sich auf mehreren Ebenen mit Cargo-Bikes: als Lieferdienst, Werkstatt, Fahrzeughersteller und Händler. Wie hat sich das entwickelt?
Björn Fischer: Wir sind als Spedition gestartet, die auf der letzten Meile ausschließlich mit Cargo-Bikes ausliefert, zum Beispiel Obst- und Gemüsekisten, Pakete oder Post. Inzwischen machen wir damit rund 4000 bis 5000 Stopps pro Woche. Weil es damals kaum geeignete Schwerlastenräder für diesen Einsatz gab, haben wir vor allem aus Motorradkomponenten unser eigenes Fahrzeug entwickelt, den „Lademeister“. Seit 2020 haben wir davon rund 120 Stück an andere Lieferdienste verkauft. Der Markt entwickelt sich aber anders als wir uns das in unseren Business-Plänen ausgemalt hatten: Während der gewerbliche Bereich langsamer wächst, findet die Transformation im Privatmarkt längst statt. In Hamburg gibt es ungefähr 100 Schwerlastenräder im gewerblichen Einsatz, aber rund 50.000 Family-Cargo-Bikes, mit denen Kinder und Hunde und Wocheneinkäufe transportiert werden. Deshalb haben wir unser Geschäft erweitert: Wir reparieren, verkaufen und vermieten inzwischen Lastenräder für Privatkunden, bespielen Events wie Firmenfeiern, Hochzeiten oder auch den Haspa Marathon und beraten Unternehmen und Veranstalter zu möglichen Einsatzbereichen.
Welche Rolle spielte Nachhaltigkeit bei der Gründung?
Nachhaltigkeit ist in der Präambel unserer Satzung fest verankert und war von Anfang an ein zentraler Bestandteil der Genossenschaft. Uns ging es nicht nur darum, was wir machen, sondern auch wie wir es machen. Die Idee, Kraftfahrzeuge auf der letzten Meile durch Cargo-Bikes zu ersetzen, war stark von dem Wunsch getrieben, Mobilität klimafreundlicher zu gestalten, damit wir noch ein paar Jahrzehnte länger auf diesem schönen Planeten leben können. Und das zieht sich bis heute durch viele Bereiche: Wir arbeiten mit Ökostrom, vermeiden Verpackungen in den Logistikprozessen, setzen auf Mehrwegsysteme und fördern Fahrradmobilität auch bei unseren Mitarbeitenden.
„Viele Marktbegleiter sind inzwischen insolvent, wir dagegen konnten uns mit dem langen Atem der Genossenschaft und durch diese breite Verankerung in der Gesellschaft halten.“
tricargo ist als Genossenschaft organisiert. Warum habt ihr euch dafür entschieden?
Wir sind nicht nur ein nachhaltiges Projekt, sondern auch demokratisch organisiert. Als Ausgründung von der Critical Mass Hamburg haben wir 13 Monate lang jeden Monat ein offenes Gründungstreffen gemacht, wo jede Person mitsprechen und mitentscheiden konnte. In der Genossenschaft können Kundinnen und Kunden, Mitarbeitende, Lieferanten, NGOs oder interessierte Bürgerinnen und Bürger Mitglied werden und das Unternehmen mitgestalten. Man kann bei uns Beträge zwischen 300 Euro und 100.000 Euro anlegen – für diese Begrenzung haben wir uns entschieden, weil wir nicht wollen, dass einzelne Mitglieder sehr hohe Summen investieren und dann bei einem möglichen Ausstieg die gesamte Finanzierung gefährden. Das Kapital sollte schon auf möglichst viele Schultern verteilt sein. Diese breite Verankerung hat uns geholfen, langfristig stabil zu bleiben. Viele Marktbegleiter sind inzwischen insolvent, wir dagegen konnten uns mit dem langen Atem der Genossenschaft und durch diese breite Verankerung in der Gesellschaft halten.
Wie habt ihr eure Gründung finanziert?
Ein wichtiger Partner war der Zentralverband Deutscher Konsumgenossenschaften ZDK e.V., der in Hamburg ansässig ist und genossenschaftliche Gründungen unterstützt. Darüber hinaus kam das Eigenkapital vor allem aus der Community. Viele Menschen aus Hamburg haben ihr privates Portemonnaie aufgemacht, Genossenschaftsanteile gezeichnet und das Projekt mitgetragen. Später kamen natürlich Förderungen hinzu, zum Beispiel die Kaufprämie für Cargo-Bikes oder Programme wie „Hamburg Digital“ für die Digitalisierung unserer Prozesse.
„Ein wichtiger Partner war der Zentralverband Deutscher Konsumgenossenschaften ZDK e.V., der in Hamburg ansässig ist und genossenschaftliche Gründungen unterstützt. Darüber hinaus kam das Eigenkapital vor allem aus der Community.“
Welche Erfahrungen habt ihr mit Förderprogrammen gemacht?
Für uns war die Kaufprämie für Cargo-Bikes ganz wesentlich. Gerade bei nachhaltigen Investitionen können solche Förderungen entscheidend sein. Wenn Unternehmen überlegen, vom Transporter auf Cargo-Bikes umzusteigen, machen Zuschüsse oft den Unterschied. Allerdings gibt es alle paar Jahre Neuauflagen von den Förderrichtlinien und plötzlich fliegen manche Zielgruppen oder Finanzierungsformen raus, beispielsweise waren Vereine und Körperschaften des öffentlichen Rechts auf einmal nicht mehr förderfähig, zu denen aber ganz viele Stadtreinigungen zählen. Eine ganz bittere Pille war für uns, dass Leasing zeitweise nicht mehr förderfähig war, obwohl Leasing für viele Unternehmen die wichtigste Finanzierungsform ist und bei Kraftfahrzeugen ganz normal. Also, wir sind da in einem dauerhaften Wandel, wie alle anderen Akteure im Bereich erneuerbare Energien auch. Selbst Wärmedämmung beim Bauen wurde ja schon kurzfristig auf Eis gelegt. Dazu kommt, dass kleine Unternehmen oft gar nicht die Kapazitäten haben, sich durch komplexe Förderlandschaften zu arbeiten. Wir haben selbst erlebt, dass große europäische Programme wie Erasmus Plus schnell zu umfangreich werden, da muss man sich auf 500 Seiten auf Englisch durcharbeiten – das war viel zu komplex für uns. Gut funktioniert haben dagegen Förderangebote mit klaren Ansprechpartnern und überschaubaren Prozessen, etwa bei der IFB Hamburg oder der BAFA.
Was würdet ihr anderen Unternehmen empfehlen, die nachhaltiger wirtschaften wollen?
Viele Maßnahmen sind niedrigschwellig: Man kann zu einem Ökostromanbieter wechseln, den Fuhrpark schrittweise auf emissionsfreie Fahrzeuge umstellen oder eine Ladeinfrastruktur schaffen. Man könnte zu einer ethischen Bank gehen, die in bestimmte Sektoren investiert, man kann Müll trennen, um bei den Angestellten das Bewusstsein zu schärfen. Es gibt viele Kleinigkeiten, die man im Alltag gestalten kann und die keine hohen Kosten verursachen. Die einfachste, günstigste und effizienteste Maßnahme für weniger CO₂ im innerstädtischen Verkehr ist aus unserer Sicht die Erhöhung des Radverkehrsanteils. Ich empfehle deshalb anderen Unternehmen den Fuhrpark, so gut es geht um Fahrräder oder E-Cargo-Bikes zu erweitern, sei es im Bereich Pflege oder in Handwerksbetrieben. Es gibt viele Beispiele, wo das Fahrrad die Lösung von vielen Problemen ist. Wichtig ist aus unserer Sicht, sich überhaupt auf den Weg zu machen. Dabei ergibt sich dann die Herausforderung, dass es bei der Transformation mal zwei Schritte vor geht, dann drei Schritt zurück, dann wieder einen vor. Dafür braucht man schon einen langen Atem – und das betrifft auch die Finanzen. Da muss man im Oberkörper beweglich bleiben und das Geschäftsmodell weiterentwickeln. Derzeit leben wir noch in einer Übergangszeit, wo einige sich an ihre Gasheizung und an ihren Verbrenner klammern, während andere schon längst bei einer Photovoltaikanlage oder einer Wärmepumpe angekommen sind. Natürlich wäre es einfacher, nichts zu machen und die alte Lobby weiter zu bedienen. Wer aber sein Gewissen und sein berufliches Engagement auf eine Linie bringt, der hat weniger kognitive Dissonanzen und kann ruhiger schlafen – es hilft einfach der persönlichen Zufriedenheit. Das Umdenken findet statt, nur nicht bei allen gleichzeitig.
Lektorat: Miriam Holzapfel

