Interview

Wenn schon Bio, dann richtig

Wie das Wildwuchs Brauwerk Nachhaltigkeit vom Rohstoff bis zur Energieversorgung mitdenkt

Das Wildwuchs Brauwerk braut in Hamburg Bio-Biere und versteht Nachhaltigkeit als Teil des gesamten Produktionsprozesses: Die Zutaten stammen aus ökologischem Anbau, produziert wird vor Ort in Hamburg-Wilhelmsburg. Nach der Abfüllung kommt das Bier ohne lange Umwege zu Kundinnen und Kunden.

Fortlaufend arbeitet die Brauerei daran, Ressourcenverbrauch und Emissionen weiter zu reduzieren, etwa durch Baumpflanzungen, durch den Einsatz von regenerativer Energie sowie durch eine bewusste Auswahl der Partnerbetriebe. Wildwuchs ist Teil des Gemeinwohl-Ökonomie-Netzwerkes sowie Regionalwert Partner und UmweltPartner Hamburg.

Mann mit Mütze und brauner Lederschürze steht in einer Brauerei vor Bierfässern, umgeben von grossen Edelstahl-Gärtanks.

„Für uns ist Nachhaltigkeit eine Art zu denken: Sie steckt in den Rohstoffen, den Lieferwegen, der Energieversorgung und in der Frage, wie wir hier vor Ort wirtschaften wollen.“

wildwuchs Brauwerk Hamburg KG

Das Interview führte Yvonne Schönherr (NAFIM) mit Friedrich „Fiete“ Carl Richard Matthies (wildwuchs Brauwerk Hamburg KG) im Juni 2026.

NAFIM: Mit eurer Brauerei produziert ihr Bio-Bier in Hamburg. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit dabei?

Friedrich „Fiete“ Carl Richard Matthies: Tatsächlich war das der Ausgangspunkt für die Gründung. Ich habe Braumeister gelernt und wollte gerne in einer Bio-Brauerei in meiner Heimatstadt Hamburg arbeiten. Und weil es keine gab, haben wir eben eine gegründet. Uns ging es dabei von Anfang an nicht nur um Bio-Zutaten. Die EU-Bio-Richtlinien sagen zum Beispiel nichts darüber aus, welche Energie verwendet wird. Man kann eine Bio-Brauerei mit Erdöl heizen oder mit regenerativen Energien, das ist alles nicht geregelt. Aber wenn wir schon eine Bio-Brauerei machen, dann wollen wir das auch konsequent machen. Deshalb schauen wir: Wo können wir Ressourcen sparen? Wo können wir nachhaltigere Lösungen einsetzen? Und wo können wir vielleicht sogar etwas ganz Neues entwickeln, das es bisher noch nicht gab? Also, um es kurz zu machen: Nachhaltigkeit ist bei uns ganz oben angesiedelt. Natürlich muss es wirtschaftlich funktionieren. Aber das, was wir machen, muss vor allem ökologisch sinnvoll sein.

Welche Maßnahmen habt ihr bereits umgesetzt?

Angefangen haben wir mit Grünstrom und proWind-Gas von Green Planet Energy. Danach kamen viele weitere Schritte: Im Rahmen einer Ökoprofit-Zertifizierung haben wir beispielsweise die komplette Beleuchtung auf LED umgestellt. Später haben wir einen Stickstoffgenerator installiert, der Stickstoff direkt aus der Umgebungsluft gewinnt. Mit dem können wir unsere Tanks leerdrücken und so auf CO₂ verzichten. Die neueste Geschichte war vor drei Jahren eine Photovoltaikanlage für das Dach. Rund 90 Prozent des damit erzeugten Stroms nutzen wir selbst. Im Sommer, wenn die Sonne viel scheint, haben wir den größten Strombedarf, weil wir viel kühlen müssen. Im Winter brauchen wir dagegen nicht so viel Strom. Auch bei vielen kleineren Dingen schauen wir genau hin: Wir drucken auf Recyclingpapier und waren eine der ersten Brauereien, die Etiketten aus Recyclingfasern herstellen lassen, in aller Regel werden die nämlich aus Frischfasern gemacht. Technisch ist das anspruchsvoll, weil das Etikett auf der Flasche natürlich nicht wellig werden darf. Unser Partner ist da die Steinbeiß-Papierherstellung in Glückstadt, direkt hier um die Ecke. Und die nächste Veränderung steht schon an: Unser Dieseltransporter geht in den Ruhestand und wird durch ein Elektrofahrzeug ersetzt.

„Bei manchen Gesprächen hatte ich eher das Gefühl, dass ich erst einmal eine Banklehre machen muss, bevor ich eine Brauerei aufmachen kann.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Finanzierung und Förderung gemacht?

Am Anfang haben wir in einer gepachteten Brauerei in Bleckede produziert, um Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, wie die Nachfrage nach unserem Bier überhaupt aussieht und wie die Reaktionen so sind. Mit diesen Zahlen konnten wir dann einen Businessplan erstellen und Gespräche mit verschiedenen Banken führen. Am Ende haben wir uns für die GLS Bank entschieden, weil die unser Vorhaben wirklich verstanden haben. Da wurden einfach die richtigen Fragen gestellt, die auch wir verstehen konnten – das klingt vielleicht selbstverständlich, war aber nicht überall so. Bei manchen Gesprächen hatte ich eher das Gefühl, dass ich erst einmal eine Banklehre machen muss, bevor ich eine Brauerei aufmachen kann. Mit der GLS Bank haben wir unsere große Brauanlage über ein Darlehen finanziert. Danach kam die Anschaffung der Flaschenabfüllanlage, die durch die Investitions- und Förderbank IFB gefördert wurde. Dafür mussten wir nachweisen, wie viele Ressourcen wir mit der neuen Anlage im Vergleich zur alten Flaschenabfüllanlage einsparen, die wir zu Beginn gebraucht gekauft hatten – dass wir weniger Energie benötigen, dass weniger Bier im Gully landet, dass wir also weniger Rohstoffe einsetzen müssen und so weiter. Das war ziemlich aufwendig für so einen kleinen Betrieb wie unseren. Deshalb muss man immer abwägen, ob Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen oder ob sich das vielleicht gar nicht lohnt. Zusätzlich zur Förderung haben wir ein Crowdfunding gemacht und privat Geld eingesammelt.

Wie lange hat es ungefähr gedauert von der ersten Planung bis zur fertigen Finanzierung?

Für die große Anlage haben wir ein gutes halbes Jahr gebraucht. Da hatten wir aber auch überhaupt keinen Zeitdruck, weil wir parallel erst noch eine Fläche finden mussten, wo wir bauen konnten. Als wir dann eine Fläche hatten und alles konkreter wurde, hat es noch ungefähr zwei Monate gedauert, bis die Zusage kam. Danach konnten wir loslegen, gefühlt ging das ziemlich fix. Bei der Förderung für die Flaschenabfüllanlage hat es zwei oder drei Monate gedauert, bis wir für die IFB alles zusammen hatten und alle Nachfragen beantwortet waren. Die PV-Anlage haben wir auch über die GLS Bank finanziert, weil die noch ein halbes Prozent günstiger waren als die KfW. Und das war tatsächlich total unproblematisch, wir haben einen kurzen Antrag geschrieben und am nächsten Tag hatten wir die Finanzierung, weil die alle unsere Zahlen ja schon vollständig hatten.

Brauer prüft eine Bierprobe zwischen Edelstahltanks in einer Handwerksbrauerei

„Mit der GLS Bank haben wir unsere große Brauanlage über ein Darlehen finanziert. Danach kam die Anschaffung der Flaschenabfüllanlage, die durch die Investitions- und Förderbank IFB gefördert wurde.

Was würdet ihr anderen Unternehmen empfehlen, die nachhaltiger wirtschaften wollen?

Auf jeden Fall einmal mit der GLS Bank sprechen. Vielleicht hatten wir einfach Glück mit denen, es kommt ja auch immer auf die Menschen an, mit denen man konkret zu tun hat. Aber einen Versuch ist es sicher wert. Generell würde ich empfehlen, sich gut zu informieren und auch bei NAFIM vorbeizuschauen. Wenn es diese Plattform schon gegeben hätte, als wir losgelegt haben, dann wäre das für mich auf jeden Fall ein Anlaufpunkt gewesen. Außerdem würde ich auch zur IFB gehen, die Sachbearbeiter dort kennen sich ganz gut aus und haben oft noch Ideen, auf die man selbst nicht gekommen wäre. Wenn ich mit anderen Unternehmen spreche, dann habe ich manchmal das Gefühl, dass es noch sehr viel mehr Möglichkeiten gibt, als ich kenne. Man muss aber immer überlegen, wie viel Zeit einen so ein Antrag kostet. Mein Rat wäre deshalb eine Mischung: Informiert euch gut, aber versucht nicht jeden einzelnen Cent fördern zu lassen. Manchmal kommt man schneller voran, wenn man eine gute Lösung einfach umsetzt.

Was braucht es aus eurer Sicht, damit mehr Unternehmen nachhaltige Investitionen wagen?

In erster Linie braucht man natürlich Planungssicherheit. Das hat aber weniger mit Banken zu tun, als mit gesetzlichen Regelungen. Wenn ich nicht weiß, ob eine Bundesregierung auf einmal Diesel fördert, weil sie irgendwelche Kostenexplosionen drosseln will, dann weiß ich als Unternehmen nicht, ob es sich für mich rechnet, in eine Stromanlage zu investieren. Da braucht es schon eine klare Marschrichtung. Unternehmen müssen wissen, in welche Richtung sich Rahmenbedingungen entwickeln. Nur dann können sie entscheiden, welche Technologien langfristig sinnvoll sind. Ansonsten sollte die Förderlandschaft möglichst verständlich sein. Viele kleinere Betriebe haben weder die Zeit noch die Ressourcen, sich tagelang durch Richtlinien zu arbeiten. Alles sollte möglichst einfach erklärt werden, damit es auch alle verstehen.

Lektorat: Miriam Holzapfel